Unterkühlung bei Hund und Katze erkennen und richtig handeln
Ein unterkühltes Tier falsch aufzuwärmen kann gefährlicher sein als die Kälte selbst. Hier steht, woran du die Stufen erkennst, was du bis zum Tierarzt tun kannst – und warum Wärmflasche ja, Heizlüfter nein heißt.

Bild: KI-generiert für Tierhelfer-Wissen – symbolische Darstellung.
- Normal sind beim Hund 37,5–39,2 °C, bei der Katze 38,1–39,2 °C – rektal gemessen, mit einem digitalen Thermometer.
- Hört ein durchgefrorenes Tier auf zu zittern, ist das kein gutes Zeichen, sondern meist ein schlechtes.
- Erst abtrocknen, dann wärmen. Nasses Fell isoliert nicht.
- Wärme gehört an den Rumpf, nicht an die Beine – sonst droht ein Kreislaufeinbruch beim Aufwärmen.
- Keine direkte Hitze. Ein unterkühltes Tier kann der Wärmequelle nicht ausweichen und verbrennt sich.
- In die Klinik gehört jedes unterkühlte Tier – auch wenn es wieder munter wirkt.
Unterkühlung ist tückisch, weil sie schleichend kommt und weil die naheliegende Reaktion – schnell und kräftig wärmen – falsch ist. Ein unterkühltes Tier wird langsam, von innen nach außen und am Rumpf gewärmt. Nicht an den Beinen, nicht mit Hitze, nicht mit Reiben. Hier steht, woran du erkennst, wie weit es ist, und was du bis zum Tierarzt tun kannst.
Was normal ist
Ohne Vergleichswert erkennt man keine Abweichung. Die Normalwerte stehen in der Tabelle des MSD Veterinary Manual:
Normalwerte bei Hund und Katze
Gemessen wird rektal mit einem digitalen Thermometer und etwas Gleitgel. Ein Ohrthermometer für Menschen taugt dafür nicht. Präg dir die Werte deines Tieres ein, solange es gesund ist – dann merkst du im Ernstfall schneller, dass etwas nicht stimmt.
Die Stufen der Unterkühlung
Eine Übersichtsarbeit im Journal of Veterinary Emergency and Critical Care (Brodeur et al. 2017) teilt die Unterkühlung nach der Kerntemperatur ein:
| Stufe | Kerntemperatur | Was man sieht |
|---|---|---|
| mild | 32–37 °C | Das Tier zittert, ist matt und sucht Wärme. Es ist klar bei Bewusstsein. |
| mittelschwer | 28–32 °C | Das Zittern lässt nach oder hört auf, das Bewusstsein trübt sich ein, die Muskulatur wird steif. |
| schwer | 20–28 °C | Bewusstlosigkeit, sehr langsamer und unregelmäßiger Herzschlag, flache Atmung. |
Dieselbe Arbeit gibt ein zweites Schema wieder, das die Stufen über den Zustand des Tieres beschreibt statt über das Thermometer – praktisch, weil du draußen selten messen kannst: klares Bewusstsein mit Zittern (32–35 °C), getrübtes Bewusstsein ohne Zittern (28–32 °C), Bewusstlosigkeit (24–28 °C).
Das Warnzeichen: das Zittern hört auf
Zittern ist Arbeit. Der Körper erzeugt damit Wärme, und das kostet Energie und Sauerstoff. Geht die Energie aus oder sinkt die Temperatur weiter, hört das Zittern auf. Beim kalten, nassen Tier bedeutet das nicht Entwarnung, sondern das Gegenteil. Die Übersichtsarbeit hält auch fest, dass passives Aufwärmen – nur zudecken – wahrscheinlich nicht mehr ausreicht, wenn das Tier nicht mehr zittert.
Hier widersprechen sich die Fachquellen
Das MSD Veterinary Manual schreibt, Zittern sei bei Tieren kein so verlässliches Zeichen für Unterkühlung wie beim Menschen. Die AVMA nennt Zittern dagegen unter den Zeichen, bei denen man ein Tier sofort hereinholen soll.
Wir glätten das nicht, sondern sagen, was daraus folgt: - Ein zitterndes Tier in der Kälte ist ein Alarmzeichen – hereinholen. - Ein Tier, das nicht zittert, ist deswegen nicht in Ordnung. - Hört ein sichtlich durchgefrorenes Tier auf zu zittern, ist das ein schlechtes Zeichen.
Weitere Anzeichen, die das MSD Veterinary Manual nennt: langsamer Puls, flache Atmung, Verwirrung, Kollaps, Bewusstlosigkeit. Die AVMA ergänzt die frühen, leicht zu übersehenden: Winseln, Unruhe, Langsamerwerden bis zum Stehenbleiben, Schwäche und die Suche nach einem warmen Platz zum Verkriechen.
Erste Hilfe: was du tun kannst
- Ruf die Praxis oder Klinik an, bevor du losfährst. Das Team kann sich vorbereiten und dir sagen, was unterwegs zu tun ist.
- Trockne ein nasses Tier zuerst ab. Nasses Fell isoliert nicht: Wasser leitet Wärme gut ab, und ein nasses Tier ist für eine Unterkühlung vorbelastet.
- Pack es ein. Decken, Handtücher, notfalls eine Rettungsdecke. Auch der Boden darunter muss warm und trocken sein.
- Wärmflaschen – warm, nicht heiß – in Tücher gewickelt an den Rumpf legen. Genau so steht es im MSD Veterinary Manual.
- Nicht reiben, nicht mit Schnee einreiben, kein sehr heißes Wasser.
- Fahren. Bei langer Anfahrt ist es laut der Übersichtsarbeit vertretbar, unterwegs weiter von außen zu wärmen.
Bitte nicht
- Keinen Heizlüfter, keinen Heizstrahler, keine Heizdecke direkt auf die Haut. Die AVMA rät bei Tieren im Freien ausdrücklich davon ab – auch Heizmatten können Verbrennungen verursachen.
- Kein heißes Bad, keine Dusche.
- Nichts zu trinken einflößen, wenn das Tier benommen ist oder nicht sicher schlucken kann.
- Keine Medikamente ohne tierärztliche Anweisung.
Warum direkte Hitze schadet
Es gibt zwei gute Gründe, und beide stehen in derselben Übersichtsarbeit.
Verbrennungen. Ein unterkühltes Tier kann der Wärmequelle oft nicht ausweichen. Dazu kommt: Die Blutgefäße in der Haut sind eng gestellt, und engstehende Gefäße können die zugeführte Hitze nicht abtransportieren. Die Haut verbrennt, bevor der Körperkern wärmer wird.
Der Kreislauf bricht ein. Wärmt man die Gliedmaßen, ohne den Körperkern mitzuwärmen, weiten sich dort die Gefäße schlagartig, das Blut versackt in der Peripherie – Fachleute nennen das Rewarming Shock. Gleichzeitig strömt kaltes Blut aus den Beinen zurück zum Herzen, und die Kerntemperatur kann während des Aufwärmens weiter fallen. Dieses Phänomen heißt Afterdrop.
Die praktische Regel daraus: Wärme gehört an den Rumpf. Beine und Pfoten bleiben eingepackt, aber ohne eigene Wärmequelle.

Erfrierungen an Ohren, Rute und Pfoten
Erfrierungen treffen typischerweise die Stellen, die am schlechtesten isoliert und am weitesten vom Körperkern entfernt sind: Ohrspitzen, Pfoten und die Rutenspitze. Das MSD Veterinary Manual beschreibt die betroffene Haut als blass oder rot, geschwollen und schmerzhaft. Nasse und windige Bedingungen erhöhen das Risiko.
So gehst du vor:
- Langsam auftauen, nicht reiben. Das MSD Veterinary Manual rät zu behutsamem Aufwärmen in warmem, nicht heißem Wasser.
- Blasen nicht aufstechen, Salben und Hausmittel weglassen.
- Zum Tierarzt – auch wenn es „nur“ eine Ohrspitze ist.
- Geduld beim Urteil. Ob Gewebe abgestorben ist, entscheidet sich erst nach Tagen. Das Manual rät ausdrücklich, Entscheidungen über abgestorbenes Gewebe aufzuschieben, bis das beurteilbar ist. Die AVMA weist darauf hin, dass Erfrierungen oft erst Tage später vollständig erkennbar werden.
Wann es in die Klinik muss
Immer. Unterkühlung und Erfrierung sind keine Fälle für Hausmittel, und das gilt auch dann, wenn das Tier nach einer halben Stunde in der warmen Wohnung wieder munter wirkt. Besonders eilig ist es, wenn:
- das Tier nicht mehr zittert, obwohl es offensichtlich durchgefroren ist
- es taumelt, verwirrt wirkt oder sich nicht aufrichtet
- die Atmung flach und der Puls auffällig langsam ist
- es bewusstlos ist oder nicht auf Ansprache reagiert
- es sich um einen Welpen, ein Kitten, ein altes oder krankes Tier handelt
Was du bei Atemstillstand tun kannst und wie der Transport sicher gelingt, steht in Erste Hilfe beim Hund und bei der Katze.
Wie es überhaupt so weit kommt
Unterkühlung ist fast immer das Ende einer Kette: nass werden, nicht trocknen können, keinen windgeschützten Platz finden, zu wenig fressen. Hunde und Katzen verlieren Wärme vor allem an die umgebende Luft und über den direkten Kontakt mit kalten Flächen – also über den Boden, auf dem sie liegen.
Genau deshalb ist ein trockener, erhöhter Platz oft wirksamer als jede Decke. Was eine Notunterkunft können muss und warum Stroh besser ist als Textilien, steht in Straßenhunde im Winter: warum Kälte lebensgefährlich wird.
Zwei Minuten, die viel bringen
Speichere heute die Nummer deines Tierarztes und des nächsten Notdienstes im Handy. Welche Stellen in deinem Bundesland zuständig sind, steht im Notfall-Verzeichnis.
Häufige Fragen
Wie messe ich die Temperatur bei Hund und Katze?
Mit einem digitalen Thermometer, rektal, mit etwas Gleitgel. Normal sind beim Hund etwa 37,5–39,2 °C, bei der Katze 38,1–39,2 °C. Ein Ohrthermometer für Menschen ist dafür nicht geeignet.
Mein Hund zittert nicht – dann ist er also nicht unterkühlt?
Nein, dieser Schluss ist falsch. Das MSD Veterinary Manual weist ausdrücklich darauf hin, dass Zittern bei Tieren kein so verlässliches Zeichen ist wie beim Menschen. Umgekehrt gilt: Wenn ein sichtlich durchgefrorenes Tier aufhört zu zittern, ist das ein Warnzeichen und kein Zeichen der Besserung.
Darf ich ein unterkühltes Tier in die warme Badewanne setzen?
Nein. Flüchte dich nicht in schnelle Wärme. Rasches Aufwärmen von außen kann die Gefäße in der Peripherie weiten, den Kreislauf einbrechen lassen und die Kerntemperatur sogar weiter fallen lassen. Abtrocknen, einpacken, Wärmflaschen in Tücher gewickelt an den Rumpf – und losfahren.
Hilft Reiben, um die Durchblutung anzuregen?
Nein. Das MSD Veterinary Manual rät ausdrücklich davon ab, ein unterkühltes Tier zu reiben, mit Schnee einzureiben oder sehr heißes Wasser zu verwenden.
Woran erkenne ich Erfrierungen – und was tue ich?
Betroffen sind meist Ohrspitzen, Pfoten und Rutenspitze. Die Haut kann blass oder rot, geschwollen und schmerzhaft sein. Langsam auftauen, nicht reiben, nicht aufstechen – und zum Tierarzt. Die AVMA weist darauf hin, dass das volle Ausmaß oft erst Tage später sichtbar wird.
Warum sind Welpen und Kitten besonders gefährdet?
Weil sie im Verhältnis zu ihrem Gewicht eine große Körperoberfläche haben und selbst wenig Wärme erzeugen. Sie kühlen deshalb deutlich schneller aus als erwachsene Tiere.
Mein Tier war unterkühlt und wirkt jetzt wieder normal. Muss ich trotzdem zum Tierarzt?
Ja. Unterkühlung belastet Kreislauf, Herzrhythmus und Organe, und Erfrierungsschäden zeigen sich verzögert. Ruf an und fahr hin.
Quellen
- Brodeur A, Wright A, Cortes Y (2017): Hypothermia and targeted temperature management in cats and dogs, JVECC 27(2)
- MSD/Merck Veterinary Manual – Emergency Care for Dogs and Cats
- MSD/Merck Veterinary Manual – Keeping Pets Safe During Cold Winter Months (2025)
- MSD/Merck Veterinary Manual – Normalwerte (Temperatur, Atmung, Herzfrequenz)
- MSD/Merck Veterinary Manual – Initial Triage of Small Animal Emergency Patients
- AVMA – Cold weather animal safety
- AVMA – Pet First Aid (Broschüre 2025)
- MSD/Merck Veterinary Manual – First Aid and Transport of Small Animals


